Flughafen Tempelhof – Chronik eines Lagers für zur Flucht gezwungene Menschen

Infowand

Mai (28. – 33. Woche)
Der Plan des Senats, künftig im ehemaligen Flughafen Geflüchtete zu registrieren, besteht weiterhin. Allerdings wird das Vorhaben, das Lager für bis zu 8000 Menschen auszubauen, derzeit nicht weiter verfolgt. Diesem Vorhaben hatte der Senat noch im Januar das Tempelhofer-Feld-Gesetzt geopfert. Die Blumenhalle auf dem Vorfeld steht weiter leer und die Registrierungsstelle wird nun in Hangar 5 eingerichtet (http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2016/05/fluechtlinge-werden-bald-in-tempelhof-registriert.html). Da derzeit weniger als 1500 Menschen in den Hangars leben, werden vorerst keine weiteren Hallen auf dem Vorfeld der Hangars aufgestellt. Laut RBB sollen außerdem die Hangars 6 und 7 zu Transitzonen werden, in denen die Ankommenden maximal drei Tage verweilen sollen. Geleitet werden sollen diese von der Albatros gGmbH, die bereits die NUKs Horst-Korber-Sportzentrum und Rudolf-Harbig-Halle am Olympiapark betreibt. Das Personal soll vom Bund bereitgestellt werden (http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2016/05/fluechtlinge-werden-bald-in-tempelhof-registriert.html).
Desweiteren sollen im „Wilkommenszentrum“ nun doch Kinder unterrichtet werden. Angeblich für maximal sechs Wochen sollen Kinder in Containern, im sogenannten „Bildungszentrum“ in „Fit-für-die-Schule-Gruppen“ unterrichtet werden. (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/beschluss-tempelhof-bekommt-ein-bildungszentrum-fuer-fluechtlingskinder-23959106)
Während die Lage für die Bewohner_innen der NUK Tempelhof ungewiss und aussichtslos bleibt, fordern Aktivist_innen nachdrücklich Wohnraum für alle. Am 3. Mai wird eine Ferienwohnung am Maybachufer besetzt. (http://berlin.zwangsraeumungverhindern.org/2016/05/03/ferienwohnung-am-maybachufer-19-in-berlin-neukoelln-besetzt/) Als die Polizei noch am selben Tag räumt, wird die rassistische Politik der Segregation sichtbar – die Besitzenden werden durch den Staat geschützt, während tausende in Lagern leiden. Die Häuser denen, die sie brauchen!

April (24. – 28. Woche)
Ende des Monats wurde in Hangar 1 durch den THFwelcome e. V. ein Cafe eröffnet. Die karitative Ausrichtung des Projekts lässt es nicht erwarten, dass zu Geflüchteten gemachten Menschen an diesem Ort wichtige Informationen bezüglich ihres Asylantrags und ihrer rechtlichen Situation vermittelt werden, geschweige denn, dass von diesem Ort Kritik an den herrschenden Verhältnissen ausgehen wird. Ohne nach den Gründen zu fragen, die Menschen in Hangars isolieren, stützt der THFwelcome e. V. das (Lager)System.
Eine weitere Errungenschaft ist die an das THF Café angebundene „Asylothek“. Diese schon im Ausdruck rassistische Institution versteht sich als eine Art Bibliothek, die weniger an den Bedürfnissen der Bewohner_innen ausgerichtet ist als an zivilisatorischen Auffassungen, sie sei ein „Ort für Sprach- und Kulturvermittlung“ (http://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2016/04/thf-cafe-asylothek-berlin-tempelhof.html).

März 2016 (20. Woche – 24. Woche)
Die Bundesregierung schafft es weiterhin ihre rassistische Politik als weltoffen und human zu verkaufen, das „Flüchtlingsproblem“ hat sie „outgesourct“, die Grenzen machen nun andere für sie dicht und auch Abschiebungen überlässt sie anderen. Für Geflüchtet wird es immer schwieriger nach Deutschland zu kommen und die Hangars leeren sich. Waren zeitweise um 2500 Menschen in den Hangars untergebracht, sind es jetzt nur noch um 1800.
Die Lage ist in mehrfacher Hinsicht unsicher. Was wird aus aus den Bewohner_innen der Hangars und aus dem Lager, das zu einer Unterkunft für 8000 Leute ausgebaut werden sollte? Auf dem Vorfeld stehen bereits Blumenhallen, doch weiß niemand, ob dort jemals Leute untergebracht werden. Denn derzeit kommen kaum mehr als Flüchtlinge klassifizierte Menschen in Berlin an (http://www.tagesspiegel.de/berlin/fluechtlinge-in-berlin-durchschnittlich-kommen-69-asylbewerber-pro-tag-an/13075714.html). Dennoch besteht die Gefahr, dass die Regierenden an ihren Plänen festhalten und dort eine Art Abschiebelager entsteht. Denn der Plan, dort eine Registrierungsstelle einzurichten, besteht nach wie vor. Während Menschen aus sogenannten „sicheren Herkunftsländern“ mit einer schnellen Abschiebung rechnen müssen, ist die Lage der Menschen aus Ländern mit weniger festgesetzten Status, zum Beispiel der als Afghan_innen nationalisierten Menschen, ungewiss. Möglicherweise drohen in naher Zukunft Massenabschiebungen. Möglicherweise zieht es die Regierung eher vor, ihr nach außen gepflegtes geflüchtetenfreundliches Gesicht zu wahren, indem sie ihre Politik der freiwilligen Rückführung fortführt. Indem Menschen mit „schlechter Bleibeperspektive“ das Leben in Deutschland besonders schwer gemacht wird, sie beispielsweise von Sprachkursen ausgeschlossen werden, indem auf sie Druck ausgeübt wird und sie mit finanziellen Anreizen wie einer „Starthilfe“ von bis zu 500 €, kostenloser „Rückführung“ und durch über die Internationale Organisation für Migration (IOM) geförderte Unterstützung beim Aufbau neuer Unternehmen geködert werden, hoffen sich die Herrschenden der Geflüchteten, die sie zum „Problem“ machen, zu entledigen (http://www.heise.de/tp/artikel/47/47690/1.html).
Während EU und NATO den Konflikt zwischen „Westen“ und „Terroristen“ eskalieren und Nationalismen und Sicherheitswahn sich immer breiter machen, stützt die Springer-Presse diese Entwicklung über die Kriminalisierung der Geflüchteten (http://www.bz-berlin.de/berlin/tempelhof-schoeneberg/straf-akte-tempelhof-taeglich-muss-die-polizei-anruecken, http://www.bild.de/regional/berlin/fluechtlingskrise/straf-akte-tempelhof-taeglich-muss-die-polizei-anruecken-44843202.bild.html). Danach wie die Menschen in den Lagern leben müssen, wird hier nicht gefragt, wenn „Flüchtlinge“ allerdings gegen die Gesetze des rassistischen Staats verstoßen, interessiert jedes Detail. Aufgelistet wird auch ein Selbstmordversuch eines Lagerbewohners. Die Springer-Reporter_innen beschränken sich auf die Darstellung der Polizei, anstatt mal mit den Menschen zu reden, die in den Lagern leben müssen. Denn hinter „den Flüchtlingen“ stecken Geschichten, die die Gegenüberstellung von anspruchslosen „Flüchtlingen“, die unverhältnismäßige Forderungen stellen, und dem großzügigen, selbstlosen Staat, die Gegenüberstellung von kriminalisierten Geflüchteten und der unschuldigen, friedenbringenden Regierung hinterfragen (siehe z. B. https://www.woz.ch/1613/afghaninnen-in-deutschland/ein-leben-im-wartemodus).

19. Woche (22. Februar 2016 – 28. Februar 2016)
Während auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens weiter an der Blumenhalle geschraubt wird, protestieren um das Gebäude Menschen gegen die staatliche Repression, die sich gegen jene wendet, die sich für zu Flüchtlingen gemachte Menschen einsetzen. Vor über 20 Jahren unternahm die Gruppe K.O.M.I.T.E.E etwas gegen den staatlichen Rassismus, indem sie versuchte, den Abschiebeknast in Grünau noch während seiner Entstehung zu zerstören. Noch immer werden Menschen wegen dieser Sache verfolgt, eine Person muss an diesem Tag im LKA am Bayernring erscheinen. Die Demonstrierenden zeigen ihre Solidarität, indem sie die Betroffene begleiten und die Einstellung sämtlicher Ermittlungen in diesem Fall sowie die Freilassung des ebenfalls in dieser Sache in Venezuela inhaftierten Bernhard Heidbreder fordern.
Der Abschiebeknast in Grünau, um den es damals ging, wird derzeit zu einem Lager umgebaut. Die Gitter werden zwar rausgenommen, aber wahrscheinlich wird das Gebäude dennoch ein getarnter Abschiebeknast bleiben. Gemäß den Gesetzen des Asylpaket II soll es ein sogenanntes „spezielles Aufnahmezentrum“ werden, das dazu dienen wird, unter anderen Menschen aus sicheren Herkunftsländern im Schnellverfahren abzufertigen und abzuschieben.

18. Woche (15. Februar 2016 – 21. Februar 2016)
Auf dem Papier hat sich die medizinische Versorgung der Menschen in den Hangars verbessert. Es gibt einen Med-Punkt und einige Ärzt_innen des St. Joseph-Krankenhaus und vom Vivantes Klinikum sind auf dem Gelände aktiv. Allerdings täuschen diese Entwicklungen darüber hinweg, dass die Versorgung der Bewohner_innen nach wie vor völlig unzureichend ist. Schon vom Gesetz her werden die Menschen diskriminiert, in den ersten 15 Monaten steht ihnen medizinische Versorgung nur in Notfällen zu. Um diese beschränkten Rechte einzufordern, müssen sich die meisten Leute erstmal beim LaGeSo anstellen, um einen „grünen Behandlungsschein“ zu bekommen. Das Personal in den Hangars kümmert sich auch nicht um die Bewohner_innen, weshalb viele Patient_innen gar nicht wissen, was ihnen zusteht. Ein Bewohner der Hangars drückte es folgendermaßen aus: „Du sagst ihnen, du hast starke Schmerzen, und sie antworten „Hol dir einen Tee“.
Dass die Betreiberfirmen kein Interesse daran haben, den Bewohner_innen ihrer Unterkünfte Informationen zu vermitteln, ist nichts Neues. Um die Leute ruhig zu halten, wird versucht jegliche Information von den Lagern abzuhalten. Vor den Hangars ist es nicht einmal möglich Flyer zu verteilen, ohne vom Sicherheitsdienst angegangen zu werden. Letztens folgten Mitarbeiter des Sicherheitsdienst einigen Aktiven sogar auf dem Nachhauseweg, um sie einzuschüchtern. Die Thematisierung der Situation der Bewohner_innen und deren Einbindung in die Organisation der Lager erfolgt nur zum Schein. Vor kurzem bot die Tamaja GmbH eine Diskussionsrunde an, in der der Betreiber nur betonte, dass er für die Situation nichts könne. Das Lagerregime ist einseitige Herrschaftsform. Dass eine echte Einbindung der Bewohner_innen nicht gewünscht wird, zeigt sich immer wieder an den Schwierigkeiten, die diejenigen haben, die die Initiative ergreifen. Beispielsweise wurde es verhindert, dass sich einige Bewohner_innen als Übersetzer_innen beteiligen. Wer sich zu stark engagiert, wird der Tamaja GmbH ungemütlich und riskiert ihren/seinen Rauswurf aus dem Lager.

17. Woche (8. Februar 2016 – 14. Februar 2016)
Vor den Hangars wird damit begonnen, eine Blumenhalle aufzubauen. Die Halle war für die Internationale Gartenschau 2017 in Marzahn angeschafft worden. Nun sollen bis zur Gartenschau statt Blumen 600-700 Menschen in die Halle gesteckt werden (http://www.morgenpost.de/berlin/article207039653/Flughafen-Tempelhof-Fluechtlinge-kommen-in-Blumenhalle-unter.html). Mit dieser Doppelnutzung wird der Kreis der Profiteure des Geschäfts mit den Geflüchteten ausgeweitet. In den undurchschaubaren Verflechtungen dieser Branche gewinnt neben der IGA Berlin GmbH sicherlich auch der Senat. Die Unterbringung der Geflüchteten ist für die Regierung ein Rechenspiel, schließlich müssen „Verluste“ wettgemacht werden. Neben den Kosten der Unterbringung in den Massenlagern werden auch Einbußen durch den Ausfall von Veranstaltungen, die zuvor in den Hangars stattgefunden haben, beklagt (http://www.berlinjournal.biz/ex-flughafen-tempelhof-52-millionen-euro-einbussen-durch-fluechtlinge/).
Der Plan eine Schule auf dem Gelände zu errichten, scheint derzeit nicht mehr aktuell zu sein. Wenn es um Kinder geht, wird die soziale Umwelt besonders aktiv, diese Pläne stoßen auf starken Widerstand. Auch wenn es darum geht, geflüchtete Kinder außerhalb der Lager separat zu unterrichten (https://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2016/02/berlin-fluechtlinge-tempelhof-schoeneberg-und-senat-wollen-schule-am-suedkreuz.html). Der Senat hatte geplant, eine derartige Schule in der ehemaligen Luise-und-Willhelm-Teske-Schule am Tempelhofer Weg, wo derzeit von der Tamaja GmbH ebenfalls ein Lager betrieben wird, einzurichten. Zuvor war bereits der Plan, eine Schule in einer Halle vor den Hangars einzurichten heftig kritisiert worden. Diese Intervention war erfolgreich, denn der Senat hat dieses Vorhaben aufgegeben. Derartiges Engagement wäre allerdings auch an anderer Stelle angebracht, nicht nur wo der Knuddeleffekt Mitgefühl und paternalistische Fürsorge weckt. Bekämpft rassistische Segregation immer und überall!

16. Woche (1. Februar 2016 – 7. Februar 2016)
Für die Regierenden sind die Geflüchteten zum einen lästige Menschenmassen, zugleich aber auch wertvolle Ressource. Als Merkel im Herbst die Grenze zu Österreich „öffnete“, tat sie das vor dem Hintergrund eines Mangels an Arbeitskraft, der von der Wirtschaft immer wieder beklagt wird. Der neoliberale Komplex sorgt sich nicht nur um Fachkräfte, ganz allgemein wird ein an die demographische Entwicklung gebundener Arbeiter_innenmangel, sinkendes Wirtschaftswachstum und ein Zusammenbruch der „Sozialsysteme“ gefürchtet. Deswegen ist es das Interesse der Regierenden, die Geflüchteten zu filtern, verwertbare Menschen auszusortieren und den ungewünschten Rest auszuweisen und abzuschieben. Im Dienste der Effizienz dieses Verwertungssystems steht das „Willkommen-in-Arbeit-Büro“, das vergangene Woche im Hangar 6 eröffnet wurde. Noch bevor die Leute einen Platz zum Leben bekommen, sollen sie ihre Verwertbarkeit unter Beweis stellen. Der Tagesspiegel zitiert den Betreiber der NUK:

‚Die Menschen sind nicht hergekommen, um sich auszuruhen. Sie wollen aktiv einen Beitrag leisten‘, sagt Michael Elias, Geschäftsführer von Tamaja. Arbeit trage zur Befriedung bei. (http://www.tagesspiegel.de/berlin/notunterkunft-tempelhof-erstes-willkommen-in-arbeit-buero-fuer-fluechtlinge-eroeffnet/12887568.html)

Die Lager im ehemaligen Flughafen werden zum Ort der konzentrierten Umsetzung staatliche „Flüchtlingspolitik“. Dort können die Menschen ankommen, registriert werden, in ein Arbeitsverhältnis und eine Wohnung gebracht oder eben abgelehnt werden. Weitere „Willkommen-in-Arbeit-Büro“ in anderen Lagern sollen bald folgen.

15. Woche (25. Januar 2016 – 31. Januar 2016)
Einige größere Presseorgane berichten über die Demo, die Morgenpost, das Neue Deutschland und der holländische TV-Sender NOS (http://www.morgenpost.de/berlin/article206958307/Tempelhofer-Feld-Demonstration-gegen-Massenunterkuenfte.html, http://www.neues-deutschland.de/artikel/999291.protest-kontra-tempelhof-plaene.html, http://nos.nl/video/2082356-protest-tegen-opvang-dit-zie-je-in-berlijn-niet-vaak.html). In allen Berichten gerät das Tempelhofer Feld in den Vordergrund. Dies liegt vor allem daran, dass die Initiative 100% Tempelhofer-Feld sehr medienorientiert vorging und mit Warnwesten und grellen Transparenten die Aufmerksamkeit auf sich zog. Und es war ja auch ein Anliegen der Demonstration, gegen Gentrifizierung und die Kippung des Gesetzes zu kämpfen. Wenngleich von Seiten der Weisekiez Initiative nicht viel von der Presse erwartet wurde, ist es doch schade, dass die übrigen der im Aufruf formulierten Forderungen und vor allem die lautstark von den Menschen aus den Lagern geäußerten Forderungen überhaupt keine Beachtung fanden. Der Tagesspiegel schreibt der Weisekiez Initiative zudem völlig falsche Forderungen zu. Gefordert wurde nicht „die Flüchtlinge gezielt in die Planungen und Gestaltung der Unterkünfte miteinzubeziehen“, sondern die Lager und die Bedingungen, die Menschen in Lager zwingen, abzuschaffen, die Rede war nicht von „Integration“, sondern vom Zusammenleben einer Vielheit von Lebensweisen.
Ungeachtet der Bürger_innenversammlung und der Demonstration beschließt das Abgeordnetenhaus am 28. Januar die Änderung des Tempelhofer-Feld-Gesetzes. Bleibt zu hoffen, dass das Handeln der Regierung vielen vor Augen geführt hat, was „Demokratie“ im neoliberalen Kapitalismus bedeutet.

14. Woche (18. Januar 2016 – 24. Januar 2016)
Am 21. Januar findet in der Abfertigungshalle des ehemaligen Flughafens eine Bürger_inenversammlung statt. Auf dem Podium sitzen regierende Politiker_innen. Einige Besucher_innen sind gekommen, um auf die katastrophale Situation in den Hangars hinzuweisen und die Unterbringung in Wohnungen zu fordern. Außerdem entfachen die Ausbaupläne die Wut der Anwohner_innen, und vieler derjenigen, die gegen die Bebauung des Feldes gestimmt haben. Vor der Halle werden die Besucher_innen über das hinterlistige Vorgehen des Senats, der vorgibt die Lager im Interesse der Geflüchteten auszubauen, informiert. Außerdem werden sie auf die Demonstration in Solidarität mit den Geflüchteten am kommenden Samstag aufmerksam gemacht. Während der Versammlung stoßen die Senatspläne im Publikum auf Gegenwehr. Besonders sichtbar ist die Initiative 100% Tempelhofer-Feld. Aufgeführt wird hier ein Spiel, das den Anschein einer demokratischen Einbeziehung der Anwohner_innen erwecken soll. Doch an Demokratie glaubt an diesem Abend im Publikum niemand, entschieden haben längst diejenigen, die weiter oben sitzen.

Ein wichtiges Anliegen der Weisekiezinitiative ist es, humanitäre Hilfe für Geflüchtete mit politischem Widerstand gegen ein System zu verbinden, das die Bedingungen für Flucht erst hervorbringt. Deshalb kritisieren wir auch diejenigen freiwilligen Helfer_innen, die unkritisch mit dem System agieren und es dadurch aufrechterhalten. Die Initiative Neukölln hilft äußert sich am 22. Januar auf ihrer Facebook Seite zum Demoaufruf der Weisekiezini:

Puh, manchmal ist es sehr schwer, sich richtig zu verhalten. Also eine Demo gegen die unmenschlichen Bedingungen in der NUK Tempelhofer Flughafen ist dringend nötig. Die Pläne zur Erweiterung des Massenlagers sind in ihrer Perversion zutiefst schockierend. Widerstand tut not.
Trotzdem halten wir den Aufruf der Weisekiez-Ini in einigen Punkten für fragwürdig. Dies beginnt damit, dass wir es für unmöglich halten, dass eine große Anzahl von Menschen „selbst verwaltet“ und friedlich zusammen lebt. Eine Partizipation der Bewohner*innen der Flüchtlingsunterkünfte wäre wichtig, aber friedliche Wohngemeinschaften von hunderten von Menschen mit unterschiedlichen Kulturen u. Religionen herbei zu wünschen, ist ein bloßes Phantasieren. (https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=224355177906349&id=153319431676591)

Zunächst einmal war es unsere klare Forderung sämtliche Lagerbewohner_innen in Wohnungen unterzubringen. Klar würden wir die Selbstorganisation der Menschen in den Lagern befürworten, dem bestehenden Lagerregime wäre sie allemal vorzuziehen. Da es allerdings viele Möglichkeiten gibt, geflüchtete Menschen anderweitig unterzubringen, ist das für uns keine Priorität. „Es gibt sie – Alternativen zu Müllers Lagerpolitik“ – das habt ihr doch selbst unterschrieben! Außerdem fragen wir uns, warum verschiedene Kulturen und Religionen nicht friedlich zusammen leben können sollen? Schließlich leben wir das Tag für Tag. Die Bewohner_innen der Lager werden hier infantilisiert, ohne die ordnenden und helfenden Hände der christlichen Europäer_innen und Eingedeutschten kämen die Geflüchteten nach Meinung einiger Helfer_innen von Neukölln hilft gar nicht zurecht.

Darüber hinaus finden wir es schwierig, wenn hier Kämpfe zwischen unterschiedlichen Helfer*innen-Gruppen angefacht werden. Dass wir von Neukölln hilft keine Scheu vor politischen Statements und Kritik an Betreibern etc haben, ist die eine Sache, aber müssen wir deshalb gleich „Tempelhof hilft“ den Krieg erklären? Hinter den Kulissen helfen wir immer wieder pragmatisch zusammen und dies soll so bitte auch bleiben. Zu einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft gehört es schließlich auch, dass Menschen, die politisch nicht auf einer Linie sind, trotzdem konstruktiv zusammen wirken. (https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=224355177906349&id=153319431676591)

Es geht nicht darum jemandem „den Krieg zu erklären“, aber ihr könntet ja mal ein bisschen Druck auf eure Kolleg_innen ausüben! Mit der Unterstützung der Demo hättet ihr die Politisierung der ehrenamtlichen Mitarbeit unterstützen können, stattdessen separiert ihr wieder humanitäre Hilfe von politischen Widerstand! Genau aus diesem Widerspruch ging unsere Kritik hervor, die ihr mit eurem Statement nur bekräftigt habt!

Auf der Demo am 23. Januar laufen viele Menschen, die von der Repression des Lagerregimes unmittelbar betroffen sind, in den ersten Reihen. Den an der Planung beteiligten war es wichtig, die Forderungen in deutscher Sprache vorzubringen. „Kein Profit mit Geflüchteten! Weg mit den Lagern! Wohnungen für Alle!“ und „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!“ ist auf den Transparenten zu lesen. Außerdem wurde ein Transparent auf Farsi mit der Aufschrift „Ich bin nirgendwo auf der Welt Ausländer, meine Nationalität ist Mensch“ gefertigt. Auf Schildern machen einige auf die Gewalt, der Menschen in Afghanistan ausgesetzt sind aufmerksam – ein Land, in das Menschen durch die deutsche Regierung abgeschoben werden. Außerdem kämpfen sie mit Schildern gegen Dublin-Abschiebungen und das Nehmen von Fingerabdrücken. Als die Demonstration über den Columbiadamm zieht, dominieren Parolen wie „Stopp deportation“, „We want home“ und „Kein Mensch ist illegal“. Im Verlauf der Demonstration entstehen neue Ausrufe wie „Scheiß Lager“, „We won‘t live in hangars“ und „Wohnungen für alle“.

13. Woche (11. Januar 2016 – 17. Januar 2016)
Die Regierung denkt darüber nach, als „Flüchtlinge“ klassifizierte Menschen künftig auch im ehemaligen Flughafen Tempelhof zu registrieren. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Lager dort auf Dauer angelegt werden, dass die unlebbaren Bedingungen gefestigt werden. (http://www.morgenpost.de/incoming/article206923853/Fluechtlinge-Tempelhof-und-ICC-sollen-das-Lageso-entlasten.html)
Die AG Village veröffentlicht einen Plan, der dreistöckige Häuser in den Hangars vorsieht. Einerseits dient dieser Plan weniger den Geflüchteten als dem Erhalt des Tempelhofer Felds. Die Geflüchteten werden hier erneut instrumentalisiert, um einen Gewinn an Feld zu sichern. Andererseits sind die Bürger_innen auch Unternehmer_innen. Die Holzhäuser seien nur eine Übergangslösung, die zudem ökologisch sei. Die Häuser könnten anschließend sogar andernorts aufgebaut werden. Dieser Ausbau würde das Lagersystem jedoch festigen und der „Village AG“ einen dicken Auftrag einbringen. Für Unternehmer_innen sind die Geflüchteten interessant. Wieviel Gewinn die Tamaja GmbH aus den Lagern schöpft, weiß wahrscheinlich nur Michael Elias. Versuchen nun auch als „Bürger_innen“ getarnte Unternehmern_innen Profit aus der Not der Geflüchteten zu ziehen? (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/unterkunft-in-berlin-tempelhof-buerger-ag-will-holzhaeuser-fuer-fluechtlinge-im-hangar,10809148,33500624.html)

12. Woche (4. Januar 2016 – 10. Januar 2016)
Der Widerstand gegen die Lager im ehemaligen Tempelhofer Flughafen wächst. Die Initiative 100% Tempelhofer Feld wehrt sich gegen den Ausbau des Lagers, der die Abschaffung des Tempelhofer-Feld-Gesetzes bedeuten würde. Am 4. Januar findet eine gemeinsame Pressekonferenz von 100% Tempelhofer Feld, dem Flüchtlingsrat Berlin, Architekten für Architekten, dem Bündnis Neukölln und der plattformnachwuchsarchitekten.de statt. Die Organisationen fordern die Rücknahme des Gesetzesentwurfs zur Änderung des Tempelhofer-Feld-Gesetzes, die Schließung der Lager im ehemaligen Flughafen und Wohnungen statt Lager (http://www.thf100.de/news-initiative-lesen/items/es-gibt-sie-alternativen-zu-muellers-lagerpolitik-kopie.html). In einem Positionspapier werden konkrete Vorschläge gemacht, wie die, die derzeit in Lagern isoliert werden, in Wohnungen untergebracht werden können (http://www.thf100.de/tl_files/thf100/download/presse/PK_4.Januar2016/Alternativen%20zu%20Massenlagern%20-%20Fahrplan.pdf). Auch der Flüchtlingsrat Berlin fordert mit Nachdruck die Unterbringung in Wohnungen, er verweist auf konkrete Vorschläge zur Umsetzung dieser Notwendigkeit, die er bereits im Mai 2015 veröffentlicht hatte (http://www.fluechtlingsinfo-berlin.de/fr/pdf/FluRat_18Punkte_Wohnungen_statt_Lager_04Jan2016.pdf).
Ebenfalls am 4. Januar, nach der Pressekonferenz, gelangen Bebauungspläne des Senats an die Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang plant der Senat außerdem ein Fachgespräch, zu dem auch 100% Tempelhofer Feld eingeladen wird. Da das demokratisch beschlossene Gesetz für 100% Tempelhofer-Feld nicht zur Diskussion steht, lässt sich die Initiative nicht auf das Gesprächsangebot ein und erteilt dem Senat eine öffentliche Absage (http://www.thf100.de/news-initiative-lesen/items/thf-gesetz-ist-nicht-im-kleinen-kreis-verhandelbar.html). Die Bebauungspläne sehen fünf große Blumenhallen an den beiden Enden des Vorfeldes des Flughafens für je 700 Menschen vor. Damit wird die durch den Volksentscheid gesetzte Grenze an zwei Stellen überschritten, das Tempelhofer-Feld-Gesetz ist mit dem Entwurf nicht vereinbar.
Senatspläne
Auf dem Vorfeld, das legal bebaubar wäre, plant der Senat unter anderen eine Schule, Sportanlagen, ein medizinisches Zentrum, eine Großküche und ein „Jobcenter“. Jobcenter und angeblich für die kurzfristige Unterbringung gedachte „Notunterkünfte“, wie passt das Zusammen, wo die allermeisten die ersten 1,5 Jahre auf Grund der gesetzlichen Diskriminierung sowieso keine Arbeit finden werden? Diese Pläne betonieren die „Notunterkünfte“ quasi, sie sind auf eine langfristige Unterbringung von Geflüchteten auf viel zu engem Raum und auf deren dauerhafte Isolation ausgelegt. Der Flüchtlingsrat beschreibt die Pläne als inakzeptabel:

Aus Sicht des Flüchtlingsrats sind diese Pläne des Senats absolut inakzeptabel.

Eingeschränkte Standards sind – wenn überhaupt – allenfalls als kurzfristige Notlösung für wenige Tage etwa für eine spontan notbelegte Turnhalle nachvollziehbar. Es ist aber nicht hinnehmbar, wenn der Berliner Senat mit der Errichtung riesiger Lagerhallen ganz bewusst Neubau-Substandards für Flüchtlingsunterkünfte plant und sich von den in Berlin seit über 30 Jahren geltenden Mindestwohnflächen nach den Qualitätsstandards des LAGeSo für Flüchtlingsunterkünfte von mindestens 6 – 9 m²/Person reine Wohnfläche, zuzüglich der Gemeinschaftsflächen, und den insoweit identischen Maßgaben nach § 7 des Berliner Bau- und Wohnungsaufsichtsgesetzes verabschiedet, um in voller planerischer Absicht Menschen wie Waren auf nur noch 2m²/Person in Blumenhallen zu verstauen.

Der Senat plant auf dem Vorfeld des Flughafens Tempelhof als Teil des Flüchtlingslagers auch den Neubau einer Schule, eines Jobcenter, Sporthallen und eine Großküche. Das würde kein Flüchtlingsdorf, sondern ein Flüchtlingsghetto.

Wozu ein „Jobcenter“, wenn die Menschen nachts in den Hallen nicht schlafen können, ihre Papiere nicht sicher verwahren können, wie soll sich jemand da qualifizieren oder arbeiten gehen? In den Unterkünften auf dem Tempelhofer Feld werden hoch motivierte und qualifizierte geflüchtete Menschen psychisch und physisch zugrunde gerichtet, dauerhaft traumatisert und erwerbsunfähig gemacht.

Wozu Großküchen, wenn es um erwachsene Menschen geht, die selber für sich kochen können und wollen? Kochen und Essen ist das Minimum an selbstbestimmter Alltagsgestaltung für geflüchtete Menschen, das den Menschen durch solche entmündigende Konzepte bewusst genommen wird.

Wozu eine Lagerschule, wo doch der Erwerb der deustchen Sprache im Kontakt mit einheimischen Kindern am besten gelingt? Der Flüchtlingsrat fordert die Aufnahme der geflüchteten Kinder in reguläre Kitas und Schulen. Nur dort kann die Inklusion in die Aufnahmegesellschaft gelingen.

Wozu Sporthallen, wenn anderwo in der Stadt Sporthallen mit Flüchtlingen belegt werden? Es liegt nahe, dass diese Sporthallen in Wahrheit nur als weitere Flüchtlingsunterkunft genutzt werden sollen.

Diese Einschätzung teilen wir voll und ganz! Zudem schätzt der Flüchtlingsrat die Kosten für das Wohnen im Lager auf 1000 € pro Person und Monat! (http://www.fluechtlingsrat-berlin.de/print_neue_meldungen2.php?post_id=748)

In diesen Tagen zeigt sich um das Tempelhofer Feld ganz deutlich:
Die Geflüchteten wollen diese Massenlager nicht!
Die Anwohner_innen wollen diese Massenlager nicht!
Diese Pläne haben hier keine Legitimation!
Lasst uns gemeinsam verhindern, dass die Pläne der neoliberalen Regierung, eines kleinen, geschlossenen, elitären und profitorientierten Kreises, denjenigen, die auf dem und um das Tempelhofer Feld leben, von oben aufgezwungen werden!
Lasst uns dafür kämpfen, dass niemand in Lagern leben muss und Wohnraum für alle unabhängig von Nationalität, Aussehen, Einkommen und Geschlecht bereitgestellt wird!

11. Woche (28. Dezember 2015 – 3. Januar 2016)
Q. T: „In den Hangars gibt es ständig Auseinandersetzungen mit den Sicherheitsdienst, da diese sich aufspielen. Eines Tages hatten die Security einfach entschieden, dass wir die DIXI-Klos nicht benutzen dürfen, weil irgendwer eine umgeworfen hatte. Wir haben nicht verstanden, wie es sein kann, dass sie uns die Toilette einfach sperren, nur weil ein Mensch sich daneben benommen hat. Während der Diskussion mit den Security bekamen wir ein unwohles Gefühl. Die Stimmung war aggressiv. Wir haben selber die Polizei angerufen, wir wussten uns nicht mehr zu helfen. Solange wie die Polizei da war, veränderten sich die Gesichter der Security, sie lachten und wirkten freundlich; wir haben aber nicht verstanden, worum es ging. Die Polizei suchte auch nicht das Gespräch mit uns, obwohl wir mehrmals erwähnt haben das wir es waren, die sie gerufen hatten. Nachdem die Polizei weg war, änderten sich die Gesichtszüge wieder, wir wurden aus dem Lager geworfen. 9 Stunden mussten wir laufen, bis wir einen neuen Platz gefunden hatten. Und es war schon Winter, also richtig kalt. Beim ersten Lager, bei dem wir es versuchten, hatte Elias schon angerufen und davor gewarnt, uns aufzunehmen. An mehreren Lagern wurden wir abgewiesen. Irgendwann machte uns jemand darauf aufmerksam, das im Schreiben der Tamaja jemand auf Deutsch „Störenfriede“ vermerkt hatte. Nach langer Suche in der Kälte wurden wir schließlich in einem anderen Großlager aufgenommen. Was Elias uns angetan hat, werde ich nie vergessen. Wenn ich eines Tages in einer Position bin, die dies zulässt, werde ich ihn anzeigen! Wir brauchen Hilfe um gegen ihn vorzugehen.“

10. Woche (21. Dezember 2015 – 27. Dezember 2015)
Mittlerweile sollen Duschen außerhalb der Hangars (alte Feuerwache) in Betrieb sein, sodass die Leute wenigstens nicht mit dem Bus zum Schwimmbad fahren müssen, um sich zu waschen (https://www.berlinonline.de/tempelhof/nachrichten/4240333-4015752-hangar-7-und-neue-duschen-fuer-fluechtli.html). Ihre Wäsche werden sie wahrscheinlich noch immer nicht in den Hangars waschen können. Schon seit Wochen beschweren sich die Bewohner_innen, die ihre Kleidung andauernd zum nächsten Waschsalon und zurück schleppen müssen. I. O.: „Drinnen mangelt es an allen. Das Essen schmeckt überhaupt nicht, es ist viel zu eng, man findet überhaupt keine Ruhe und nicht einmal die Wäsche kann ich hier waschen. Jedes Mal muss ich dazu zum Waschsalon und 5 € bezahlen.“
Unterdessen erreicht der Weihnachtsterror die Unterkünfte. In den Hangars wird etwas Weihnachtsschmuck präsentiert. Die Leitung der neuen Unterkunft im ehemaligen C & A in der Karl-Marx-Str. stellt sich auf ihrer Facebook-Seite zur Schau, wie sie mit den Bewohner_innen um den Weihnachtsbaum tanzt. Auch wenn wir den Weihnachtskommerz und die christliche Erzählung, mit der er untermalt wird, ablehnen, ist es erfreulich, wenn die Menschen in den Lagern in die Feierlichkeiten einbezogen werden. Aber es ist einfach zum Kotzen, wenn das Ganze ins Missionarische übergeht oder zur Selbstdarstellung verkommt!

9. Woche (14. Dezember 2015 – 20. Dezember 2015)

Die Unterdrückung der Bewohner_innen in den Hangars wird immer schlimmer. Oft wird vom Sicherheitspersonal nicht einmal Besuch zugelassen. Gibt es überhaupt so etwas wie „Rechte“ in einer Notunterkunft (NUK)? Nicht das wir in solchen Rechten die Lösung der Probleme der Menschen in den Hangars sehen würden, aber derzeit scheint es für sie rein gar nichts zu geben, worauf sie sich berufen könnten. Der Flüchtlingsrat Brandenburg hat ein Flugblatt in mehreren Sprachen veröffentlicht, das die Bewohner_innen von Gemeinschaftsunterkünften über die Rechte und Aufgaben der Lagerbetreiber_innen informiert. Als das Blatt vor den Hangars an die Bewohner_innen verteilt wurde, untersagte das das Tamaja-Personal mit dem Hinweis, die aufgeführten Punkte würden in einer Notunterkunft gar nicht zutreffen. Zugegeben, Punkte wie abschließbare Zimmertüren und ein Tisch und ein Stuhl scheinen dort schon deshalb nicht zuzutreffen, weil sie nie vorhanden waren. Aber Durchsuchungen der „Zimmer“ durch die Betreiber_innen??? Nach Angaben der Mitarbeiter_innen jedenfalls sei auch dieser Punkt in Notunterkünften nicht wirksam. Derzeit scheint keiner so recht zu wissen, was den Bewohner_innen laut Gesetz zusteht. Das LaGeSo hat Qualitätsanforderungen für vertragsgebundene Unterkünfte gesetzt (https://www.berlin.de/lageso/soziales/asyl-aussiedler/berliner-unterbringungsleitstelle/informationen-zu-betreiber-und-immobilienangeboten/). Bei den Anforderungen an die Gebäude scheint es Ausnahmen zu geben. Dennoch stünden einem Erwachsenen gemäß der Qualitätsanforderungen an die Unterkunft ein Mindestwohnraum zu. Der Flüchtlingsrat Berlin weist darauf hin, dass sich ein Erwachsenen in den Hangars statt der dort genannten 6 bis 9 m² mit höchstens 2 m² zufrieden geben muss (http://www.fluechtlingsrat-berlin.de/print_neue_meldungen2.php?post_id=740). In den Anforderungen ist auch von einem Spielraum die Rede, dessen Einrichtung somit auch die Aufgabe der Betreiber_innen wäre. Darum braucht sich die Tamaja GmbH im ehemaligen Flughafen nun allerdings nicht mehr zu kümmern, da die lokale Initiative „to.gather e. V.“ dies bereits mit Freiwilligen und Spenden erledigt hat (http://togather-ev.tumblr.com/).

8. Woche (7. Dezember 2015 – 13. Dezember 2015)
Nachdem die Presse nach langem Ausschluss endlich Zutritt zu den Hangars des ehemaligen Tempelhofer Flughafens bekommen hat, wird die dortige Situation auch in der ARD und im ZDF thematisiert. In der Sendung vom 8. Dezember 2015 berichtet Frontal 21 über die Lager im ehemaligen Flughafen Tempelhof. (http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2622342/Fluechtlingskinder-ohne-Perspektive?setTime=5.231#/beitrag/video/2622342/Fluechtlingskinder-ohne-Perspektive) Zwar fanden die Journalist_innen einen „Zustand, den keiner lange Aushält“ vor, doch wisse „das [.] auch der Leiter der Notunterkunft Michael Elias“. Immerhin wird ein Zusammenhang zwischen den Zuständen und der „Massenschlägerei“, die ein sehr breites mediales Echo gefunden hatte, hergestellt. Elias führt dieses Ereignis auf eine kleinere Auseinandersetzung bei der Essensausgabe zurück, woraufhin „junge Männer“ ihren Frust abgelassen hätten. Im Widerspruch zu Äußerungen von Bewohner_innen (siehe 6. Woche) verlegt Elias die Ursache in die „jungen Männer“. Die schlimmen Zustände werden in diesem Beitrag eher leise angeprangert. Elias schiebt die Schuld auf die staatlichen Behörden und die Kamera folgt verständnisvoll.
Am 10. Dezember 2015 berichtet die ARD in der 20-Uhr-Tagesschau und in einem Text auf ihrer Internetpräsenz über die Lager. (https://www.tagesschau.de/inland/reportage-fluechtlinge-117.html) „Ein bisschen Adventsstimmung, für mehr ist kein Platz“ – im Video ist der Ton deutlich schärfer als bei Frontal 21. Mit den Worten von Bewohner_innen wird über einen „furchtbaren Ort“ berichtet. Der wohlorganisierte Pressetermin stößt auf Skepsis:
„Zwischen den Zeltreihen in Hangar 1 liegen Matten mit Spielzeug ausgebreitet. Ein Mann vom Kinderzirkus Cabuwazi lässt kleine Jungen auf Gymnastikbällen balancieren. Ziemlich beeindruckend – doch ist das alles nur für den Pressetermin inszeniert? Wenige Tage zuvor saßen die Flüchtlinge noch beschäftigungslos in den Hangars herum.“
Auch Stimmen, die die Aggressivität des privaten Sicherheitsdiensts anprangern, wird Raum gegeben. Alles in allem wird ein düsteres Bild vom Leben in den Lagern gezeichnet. Die Worte des Lagerbetreibers Michael Elias wirken hier nicht überzeugend. Maßnahmen wie die Verlängerung der Essenszeiten, „Gesprächsrunden und sogar Konzerte und Singabende [.], um das Gemeinschaftsgefühl zu verbessern“, die Elias nach der „Massenschlägerei“ veranlasst hätte, werden nicht als nachhaltige Verbesserungen präsentiert.
Die Tagesschau verbreitet auch die Kritik der Helferin, die sich in der Vorwoche im RBB geäußert hatte. Die Helfer_innenführung bei Tempelhof hilft tut alles, um auch nicht nur den leisesten Anschein zu erwecken, die von ihnen angeeignete Organisation von „Freiwilligen“ könnte in irgendeiner Weise Kritik an der Tamaja GmbH äußern:
„Weil es auf der Webseite der Tagesschau nun auch steht: Tempelhof Hilft hat sich NICHT beim RBB beschwert. Die ehrenamtlichen Helfer haben Zugang zu den Hangars, wenn sie einer angemeldeten Unterstützergruppe zugehören und dies vorab mit Tamaja koordinieren. Es gibt mehrere ehrenamtliche Initiativen im THF. Unsere Gruppe kümmert sich hauptsächlich um die Kleiderkammer, was bei 2200 Personen schon eine ganze Menge Arbeit ist. Andere Initiativen haben ein Spielzimmer gebaut, geben Unterricht, machen Sportaktionen uvm. Es gibt den Zugang, allerdings koordiniert und mit zuverlässigen und regelmäßigen Helfern.“ (https://www.rbb-online.de/politik/thema/fluechtlinge/berlin/2015/12/fluechtlingsunterkunft-flughafen-tempelhof.html)
Die, die sich kritisch äußern, werden ausgeschlossen. „Freiwillige“ Helfer_in bei „Tempelhof hilft“ kann nur sein, wer ohne Lohn die Wünsche der Tamaja GmbH erfüllt. Die Einwilligung in das Lagerregime und das kapitalistische System sind hier die Voraussetzungen für humanitäre Hilfe. Wer helfen will, muss sich zu deren Komplizen_in machen.
Die ARD fällt nicht auf Elias’ Taktik herein, sich durch Schuldzuweisungen aus der Kritik zu ziehen. Die BZ tat dies am 9. Dezember ganz offensichtlich und bestimmt nicht unbeabsichtigt, wenn sie die Einrichtung als „Vorbildliche Flüchtlingsunterkunft im Flughafen Tempelhof“ tituliert. In einem kurzen Video werden „Spielmöglichkeiten“, „ein weiter Verpflegungspunkt“, „verlängerte Essenszeiten“ und „Getränke rund um die Uhr“ als Errungenschaften der Tamaja GmbH hervorgehoben. (http://www.bz-berlin.de/berlin/tempelhof-schoeneberg/tempelhof-soll-berlins-1-not-notunterkunft-werden)
Zudem prangert Elias nun auch selbst die Bedingungen in den Hangars an und schiebt die Schuld auf den Senat. (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/ehemaliger-flughafen-tempelhof-hangars-5-bis-7-sollen-bis-weihnachten-fuer-fluechtlinge-fertig-sein,10809148,32892130.html) Im Artikel in der BZ behauptet eine Sprecherin gar, dass die Anlage zur „Not-Not-Unterkunft“ werden und bald keine_r länger als zwei Wochen dort wohnen müssen soll.
Bei den Bewohner_innen kommt Elias weniger gut an, schließlich ist er der sichtbare Kopf eines repressiven und gewaltvollen Lagerregimes. In einem Cafe schauen Bewohner_innen der von Elias beherrschten Unterkünfte den Bericht von Frontal 21. Als sein Gesicht auf dem Bildschirm erscheint, reagieren sie gereizt, fast jeder hier kennt ihn.
Was wird die mediale Zuwendung bringen, die die „Notunterkunft“ im ehemaligen Flughafen derzeit erfährt und die vermutlich noch zunehmen wird, wenn die Lager ausgebaut werden? Sicherlich kann sie erheblichen Druck ausüben. Am 9. Dezember ist der LaGeSo-Chef Franz Allert zurückgetreten. Dies ist zum Teil auf die zunehmende mediale Skandalisierung der Zustände vor dem LaGeSo zurückzuführen. Doch wird die Kritik in die falschen Bahnen geleitet, denn weder der Austausch einzelner Politiker_innen noch von Lagerbetreiber_innen wird Fluchtursachen und massive gesellschaftliche Ungleichheiten merklich beeinflussen. Hier bezieht die Weisekiezinitiative klar Stellung: Kein Frieden mit dem kapitalistischen System und seinen Profiteur_innen!

7. Woche (30. November 2015 – 6. Dezember 2015)
M. K. Berichtet: „Seit drei Monaten bin ich nun in Berlin. Derzeit übernachte ich in U-Bahnhöfen und manchmal bei Freunden. Zwei Monate lebte ich mit meiner Familie in einer Notunterkunft, bis ich durch die Lagerleitung vor die Tür gesetzt wurde. Ich wurde von meiner Familie getrennt, die nach wie vor in dieser Notunterkunft lebt. Den genauen Grund hierfür habe ich nicht verstanden, da er mir nur auf Deutsch mitgeteilt wurde. Zuvor hatte ich mit einer Vertreterin einer Berliner Zeitung gesprochen, was der Lagerleitung missfiel. Ich habe aber den Eindruck, dass ich wegen meiner jesidischen Religion hinausgeworfen wurde. Zuerst wurde mir ein Hotelgutschein versprochen, diesen habe ich bis heute nicht erhalten. Stattdessen wurde ich aufs LaGeSo verwiesen, wo ich bislang erfolglos versuche, einen neuen Schlafplatz zu bekommen und wieder mit meiner Familie vereinigt zu werden. Dem Lagerbetreiber geht es nur um Profit, die Menschen die dort leben sind im ganz egal!“
Bezüglich der Bebauungspläne für das Tempelhofer Feld rudert die Regierung zurück. Das Tempelhof-Gesetz soll nun erst im neuen Jahr geändert werden. Nur auf versiegelten Flächen am Rande der Flughafengebäude sollen Traglufthallen aufgestellt werden. Die Blumenhalle soll nun eventuell andernorts platziert werden. Für die Initiative 100% Tempelhof ist dieses Entgegenkommen unzureichend, da das Gesetz nach wie vor geändert werden soll.
Der Flüchtlingsrat Berlin skandalisiert in einer Pressemitteilung die Zustände in den Lagern, auch die Verantwortung für die von der Presse bereitwillig verbreitete Geschichte von der Massenschlägerei sieht der Flüchtlingsrat bei der Lagerleitung:

2300 Menschen, darunter 800 Minderjährige, müssen seit Wochen unter menschenunwürdigen Bedingungen in drei großen Hallen auf allerengstem Raum zusammenleben, geplant ist das Lager für bis zu 12.000 Menschen. Dass eine solche extrem beengte und völlig unzureichend ausgestattete Massenunterkunft Aggressionen fördert, war absehbar.
Aus Sicht des Flüchtlingsrats trägt der Senat die Verantwortung für die gestrigen Auseinandersetzungen unter den BewohnerInnen der Unterkunft. Das Projekt Massenunterkunft in den von vornherein ungeeigneten Tempelhofer Hangars ist als gescheitert anzusehen.
Vor einer Woche konnte der Flüchtlingsrat sich selbst vor Ort ein Bild machen, vgl. dazu unseren Bericht.(2) Der Betrieb der Unterkunft verstößt gegen einschlägige Rechtsvorschriften und Qualitätsstandards(3). Baurechtliche brandschutzrechtliche, hygiene- und gesundheitsrechtliche Mindestanforderungen sowie schulrechtliche Vorschriften werden nicht eingehalten[.]

In vielerlei Hinsicht wird dieses Lager für menschenunwürdig befunden. Die Trinkwasserversorgung und die Unterlassung medizinischer Hilfe werden angeprangert. Auch der Flüchtlingsrat fordert statt Lagern eindringlich die Unterbringung in Wohnungen.
Selbsternannte Tempelhof hilft Führung
Bei Tempelhof hilft organisierte Helfer_innen sind mittlerweile mit der Tamaja GmbH verschmolzen. Als eine Helferin mit dem Rücken zur Kamera vor die Presse tritt, um die Zustände in den Hangars zu kritisieren, missfällt das einigen Mitgliedern, die sich mittlerweile als Führung von Tempelhof hilft verstehen. Auf der Facebook-Seite von Tempelhof hilft wird dazu aufgerufen, sich mit Beschwerden an diese Leitung zu wenden, die einen guten Kontakt zur Lagerleitung pflege:

In einem TV Bericht am Freitag wurde gesagt, dass die Helfer des THF keine Interviews geben, weil sie Angst hätten sonst keinen Zutritt mehr zu erhalten. Das Kernteam von THF ist im steten Austausch mit dem Betreiber, mit dem wir einen respektvollen und klaren Dialog führen. Wenn ihr Helfer die Befürchtung habt, dass ihr aus irgendeinem Grund ausgeschlossen werden könntet, sprecht uns gern vertraulich an. (https://www.facebook.com/groups/Tempelhof.Hilft/permalink/923293414419379/?hc_location=ufi)

Kritik am Betreiber ist hier nicht erwünscht, trotz der Offensichtlichkeit der üblen Zustände. Wer helfen will, muss das Lagerregime unterstützen, so der Wille der selbsternannten Tempelhof hilf Führung. Selbst hat diese für die Gruppe und ihre Mitglieder beschlossen, sich gegenüber der Presse nicht zu äußern, da sie sich voll aufs Helfen konzentrieren wolle. Stattdessen wird in einem an gleicher Stelle auf der Facebook-Seite veröffentlichten Schreiben auf die Pressestelle der Tamaja GmbH verwiesen.
Ausgelöst hatte die Debatte ein Bericht in der Abendschau vom 4. Dezember 2015. Dort ist zu hören: „Die Helfer wollen sich eigentlich nicht politisch äußern, aus Angst vom Betreiber vor die Tür gesetzt zu werden.“ (https://www.youtube.com/watch?v=SmurV6gNZdE) Die Journalist_innen vom RBB berichten dort auch über ihre eigenen schlechten Erfahrungen mit der Tamaja GmbH. Es sei üblich eine Drehgenehmigung direkt bei der Betreiberfirma einzuholen. Bei Tamaja würden die Journalist_innen vom RBB allerdings schon seit Wochen von der Lagerleitung abgewiesen. Laut Tamaja sei das politische Interesse so hoch, dass Drehtermine mit der Senatsverwaltung abgesprochen werden müssten. Diese Entscheidung sei von der Senatsverwaltung ausgegangen, so die Tamaja GmbH. Das RBB-Team fühlt sich durch die Tamaja GmbH und die Senatsverwaltung in seiner Arbeit eingeschränkt.

6. Woche (23. November 2015 – 29. November 2015)
Der Senat beschließt einen Gesetzesentwurf zur Änderung des Tempelhof-Gesetzes. Diese sei angeblich nur vorübergehend. Das Flughafengelände solle zum „Wilkommenszentrum“ ausgebaut werden. Auch am Tempelhofer Damm und auf der Neuköllner Seite des Feldes sollen Traglufthallen aufgebaut werden.
Die Presse berichtet über eine Massenschlägerei in den Hangars. Angeblich sollen Eisenstangen und Messer verwendet worden sein. Laut Augenzeugen ist die Auseinandersetzung in Reaktion auf die kollektive Bestrafung der Bewohner_innen von Hangar 3 entstanden, denen wegen einer kleineren Auseinandersetzung kein Essen ausgeteilt worden sei. Andere berichten, der Lagerleiter persönlich habe in dieser Auseinandersetzung das Wort „fuck“ verwendet, was den Vorfall provoziert habe. Über 30 Menschen seien daraufhin aus dem Lager verbannt worden. Fotografien dieser Menschen finden sich an der Wand nahe den Eingängen, wo der Sicherheitsdienst Gesichtskontrollen durchführt. Die Medien verbreiten die Interpretation der Lagerleitung, die die Schuld für die Ausschreitungen alleine den Bewohner_innen zuschiebt. Mit Berichten der immer unerträglicher werdenden Situation für die Bewohner_innen hält sich die bürgerliche Presse dagegen zurück. Auch die Willkür der Bestrafung und die Folgen des Ausschlusses werden nicht thematisiert.

5. Woche (16. November 2015 – 22. November 2015)
Mittlerweile leben mehr als 2200 Menschen in den Hangars 1, 3 und 4. Viele Menschen schlafen auf Matratzen auf dem Boden.
Bereits von den Grünen wurden die Hygienischen Bedingungen und die schlechte medizinische Versorgung angeprangert. Fälle unterlassener Hilfeleistung wurden aus diversen Lagern berichtet. Kein Wunder, schließlich steht Geflüchteten bis zu ihrer Registrierung medizinische Versorgung nur in Notfällen zu. Helfer_innen aus der Nachbarschaft, die im Hangar 3 zu Gange waren, berichten über das Schicksal einer schwangeren Frau. Im Hangar wurde die lokale Initiative auf eine Frau aufmerksam gemacht, die an einem starken Husten und Schmerzen im Brustbereich litt. Sie machte sich große Sorgen um ihr Ungeborenes, aber bislang hatte sich niemand um sie gekümmert. Als das Sicherheitspersonal hierauf aufmerksam gemacht wurde, wurde die Initiative auf die Medi Station im Hangar 1 verwiesen. Dort nahm sich nach einiger Zeit auch ein Arzt der Patientin an. Doch statt eine Untersuchung zu erhalten wurde sie aufgefordert am nächsten Tag wiederzukommen. Als der Helfer den Arzt daraufhin fragte, ob es Sinn mache mit der Frau zum Krankenhaus zu fahren, ob sie dort behandelt werden könnte, lies der Arzt seinen ganzen Frust an dem Helfer aus. Er forderte ihn auf, in sein Zimmer zu kommen, wo er zuerst versuchte eine Art Verhör durchzuführen und ihm dann vorwarf unbefugt Patient_innen geheilt zu haben, seine „Diagnose“ angezweifelt zu haben und unbefugt in das Gelände eingedrungen zu sein. Der Helfer wurde darauf von zahlreichen Mitarbeitern des Security-Unternehmens rabiat am gehen gehindert. Der Betreiber höchstpersönlich wurde hinzugerufen. Dieser verschwor sich gemeinsam mit den Mitarbeitern des Sicherheitsdiensts und dem medizinischen Personal gegen den Helfer aus der Nachbarschaft. Sie warfen ihm vor, sich als Arzt ausgegeben und Patient_innen behandelt zu haben, Landfriedensbruch begannen zu haben und Lügen zu erzählen. Der Betreiber sagte ihm, er habe ihn drei Mal aufgefordert zu gehen, da er dieser Aufforderung nicht nachgekommen sei, rufe er nun die Polizei. Wie der Helfer versichert, hatte er diese Aufforderung aber gar nicht ausgesprochen. „Für einen Moment wurde mir die Macht des privaten Lagerregimes bewusst. Eine ohnmächtig machende Herrschaft, der die Bewohner_innen andauernd ausgesetzt sind.“ Der Helfer wurde anschließend in einen leeren Raum geführt und dort für einige Zeit festgehalten. Anschließend wurde ihm Hausverbot erteilt – das Lagerregime, das ohne ehrenamtliche Hilfe gar nicht auskäme bzw. viel weniger rentabel wäre, erteilt Hausverbot für ehrenamtliches Engagement. Viel schlimmer aber ist, dass die Verwaltung ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkommt und selbst das medizinische Personal zum Teil gar nicht daran interessiert ist, den Geflüchteten zu helfen.

4. Woche (9. November 2015 – 15. November 2015)
Die Regierung plant nun sämtliche Hangars des ehemaligen Tempelhofer Flughafen zu Lagern zu machen, sodass dort insgesamt um 6000 Menschen untergebracht werden sollen. In einer für die Internationale Gartenschau in Marzahn im Jahr 2017 gedachten Blumenhalle sollen am Rande des Flugfelds etwa 700 Geflüchtete wohnen. Hierzu will der Senat das Tempelhof-Gesetz ändern, ein Gesetz, das 2014 per Volksentscheid beschlossen worden war. Die Geflüchteten werden vom Senat instrumentalisiert, um das den Herrschenden unliebsame Gesetz auszuhebeln und Tendenzen der Demokratisierung zu bekämpfen. Es stünden genug andere Flächen zur Verfügung, doch um jeden Preis soll der Wille der Bevölkerung gebrochen werden. Die Häme der Politiker_innen geht so weit, dass Bürgermeister Müller die Initiative 100% Tempelhofer Feld zur Solidarität mit den Geflüchteten auffordert.

3. Woche (2. November 2015 – 8. November 2015)
Das Handeln der Lagerleitung und der Securities ist geprägt von Willkür. Bewohner_innen werden durch das Lagerregime für Lapalien „bestraft“, indem ihnen Hausverbot erteilt wird und sie einfach vor die Tür gesetzt werden. R. E. berichtet: „Im Lager, gibt es kaum Platz zum Atmen. Aus der Enge ergeben sich Konflikte. In Folge eines belanglosen Streits eskalierte die Lage und mehrere Leute gingen auf mich los. Die Securities kamen hinzu und schlugen mich. Anschließend wurde ich vor die Tür gesetzt, ich darf auch nicht zurückkommen. Wo ich hingehen soll weiß ich nicht. Es ist schon dunkel.“ Eine Unterstützerin, die vor Ort ist, redet mit den „Sicherheitspersonal“. R. E. habe geprügelt und deswegen Hausverbot erhalten. Er könne sich bei der Polizei melden.
Der Sicherheitsdienst im Lager Tempelhof ähnelt einer Privatarmee der Lagerleitung, zugleich agieren Mitglieder aber auch eigenständig und völlig unkontrolliert. Derzeit werden in vielen Lagern, in denen Geflüchtete untergebracht werden, Securities eingesetzt, die eine Ausbildung von wenigen Stunden absolviert haben. Private Sicherheitsdienste fördern zugleich aggressives Gehabe, Gehorsam und den Einsatz von Gewalt im Interesse profitgesteuerter Betreiberfirmen. Blinder oder (ökonomisch) erzwungener Gehorsam führen zur Aufrechterhaltung eines Systems, das den Interessen der Angestellten Securities selbst in vielerlei Hinsicht entgegensteht. Zudem sind die Arbeitsbedingungen schlecht. Die Interessen der Ausgebeuteten Arbeiter_innen werden gegen die vom gleichen System unterdrückten Geflüchteten ausgespielt.
Der Berliner Senat berät über das Aufstellen von Traglufthallen auf dem Tempelhofer Feld. 2012 wurde über einen Volksentscheid entgegen dem Willen der Regierenden ein Gesetz beschlossen, das die Bebauung des Flugfeldes untersagt. Die Unterbringung von Geflüchtete soll eine Bebauung des Feldes nun rechtfertigen.

2. Woche (26. Oktober 2015 – 1. November 2015)
Mittlerweile leben etwa 600 Menschen im Hangar 1. Auch die Hangars 3 und 4 werden für Geflüchtete vorbereitet. Statt Zelten werden Parzellen mit Trennwänden abgesteckt. Die Tamaja schafft es nicht einmal denjenigen, die nach einer strapaziösen Flucht in Berlin angekommen sind, die Möglichkeit zu geben zu duschen. Auch die Sanitäranlagen des auf der anderen Seite des Flugfeldes gelegenen Columbiabads werden den Bewohner_innen nicht zur Verfügung gestellt, da es „geschlossen“ sei. Einige der Bewohner_innen wurden mit Bussen zu einem mehrere Kilometer entfernt gelegenen Schwimmbad gebracht, andere haben seit ihrer Ankunft noch gar nicht geduscht.
Michael Elias, der Inhaber der Firma Tamaja, wird in den bürgerlichen Medien als fachkundiger Geflüchtetenmanager präsentiert. Gezeigt wird, wie er Arbeiter_innen scheinbar professionelle Anweisungen gibt. Dargestellt wird er als Garant für „Wilkommenskultur“ und „Sicherheit“, der Geflüchtete mit einem Lächeln begrüßt. Elias scheint zu wissen, was Geflüchtete wünschen und für sie das beste aus der schwierigen Situation machen zu können. Schließlich sei er als „halb Deutscher und halb Libanese“ und selbst „privilegierter Geflüchteter“ prädestiniert für die Geflüchteten Entscheidungen treffen zu können.
Manifest wird die Profitgetriebenheit privat betriebener Lager in der Ausbeutung ehrenamtlicher Hilfe. Freiwillige Helfer_innen kümmern sich in Organisationen wie „Neukölln hilft“ und „Tempelhof hilft“ um die Lagerbewohner_innen. Sosehr diese akute Hilfe nötig und ihr Handeln nachvollziehbar und wünschenswert ist, spielt diese Art der Unterstützung ohne fundamentale Kritik an der Unterbringung in Lagern und der Fluchtursachen den Betreiber_innen und dem kapitalistischen System in die Hände. Denn die von Volontären mit viel Mühe und Zeit erbrachte Arbeit erfüllt nicht nur die Aufgaben des Staates, oft werden Leistungen erbracht, für die die Lagerbetreiber_innen durch Steuergelder bereits bezahlt wird. Bisher hielten sich die Helfer_innen mit Kritik am Betreiber zurück. Doch nun treten einige an die Öffentlichkeit. Unter anderen wird skandalisiert, dass die Tamaja GmbH Hygieneartikel auf die an Spender_innen gerichtete Bedarfsliste setzte, für die sie vom Staat Geld erhalten hatte. Außerdem seien Stellenausschreibungen dieser Firma merkwürdigerweise von deren Internetpräsenz verschwunden, als diese Funktionen durch Freiwillige übernommen worden waren.
Das Bündnis „Neukölln hilft“ erkennt nun, wie ihre Hilfe durch den Heimbetreiber ausgenutzt wurde:

Nein, keine Angst. Ihr werdet hier keinen rassistischen Rant lesen, in dem die einen Geflüchteten gegen die anderen ausgespielt werden. Trotzdem helfen wir guten Herzens oft nur gewinnorientierten Unternehmen, obwohl die von uns gekauften Waren doch für die Ärmsten sind.
Wir vergessen zu oft, dass die Betreiber der Notunterkünfte vom Staat Geld für Hygiene-Artikel und Nahrungsmittel bekommen. Jedes Mal, wenn wir einen Euro für Duschgel ausgeben, landet dieser Euro klimpernd im Geldsäckel der NUK-Betreiber.
Wenn wir also 1000 Flaschen Shampoo à 1 € kaufen, dann schenken wir den NUK-Betreibern 1000 Euro. Der Staat hatte diesen schon zuvor 1000 Euro gegeben, um Shampoo zu kaufen.
Das Gleiche gilt für Babynahrung, Windeln, Damenbinden, Rasierschaum etc.
Genau aus diesem Grund sollten wir vorsichtig sein mit „Bedarfslisten“. Gerade hier in Neukölln. Die Bedarfsliste für die NUK Jahn-Sporthalle ist gefüllt mit Artikeln, für die der NUK-Betreiber Tamaja schon Geld vom Staat bekommen hat.

Eine Helferin schildert die Ausnutzung der Freiwilligen auf ihren Blog:

Auch nach Wochen waren alle noch voller Begeisterung, Tatendrang, Ideen. Wir wussten, es gab einen Betreiber, in unserem Fall Tamaja, ehemals SoWo Berlin, eine Firma, die gewinnorientiert arbeitet und sonst Heime für Obdachlose und Alte betreibt. Wir waren so mit der ehrenamtlichen Tätigkeit beschäftigt und die Dynamik des Helfenwollens sowie das Leid der Geflüchteten, die katastrophalen Zustände am Lageso, all das musste erst einmal verarbeitet werden.
Dann, Ende September kam die Sache mit den Regalen. Eine der vielen Ehrenamtler war zu diesem Zeitpunkt gerade fest angestellt worden. Wir saßen in Bergen von Kartons, eine Lösung war nicht in Sicht. Die Idee von „Regalpatenschaften“ war ein kreativer Vorschlag, der begeistert angenommen wurde, Spaß machte und klar waren wir dabei! Und gerne. Und ganz selbstverständlich.
Als es jedoch nicht einmal möglich war, den Betreiber dazu zu bekommen, die von uns selbst finanzierten und gekauften Regale vom Baumarkt bis zur Unterkunft zu transportieren, wurden wir hellhörig.
Wem gehörten eigentlich die Regale? Wie viel Geld bekam diese Firma pro Flüchtling? Warum konnte der Betreiber das Haus nicht so ausstatten, dass zumindest das Notwendigste vorhanden war?
Ich recherchierte im Netz und fand die alte Website der Vorläuferfirma von Tamaja, SoWo Berlin. Inzwischen ist die Seite nicht mehr verfügbar, aber Ende September konnte man dort noch sinngemäß Folgendes lesen: „Wir werden in Kürze Flüchtlingsheime übernehmen und stellen dafür engagierte Mitarbeiter ein, Hauswirtschaftler, Sozialarbeiter, Kinderbetreuer, Hausmeister. Noch ein paar weitere Berufsgruppen wurden genannt, an die ich mich nicht mehr erinnere.
Was uns jedoch wie Schuppen von den Augen fiel war, dass die Firma Tamaja logischerweise all diese Stellen nicht besetzen würde, solange wir Ehrenamtliche diese Arbeit kostenlos erledigten.
Uns wurde auch klar, dass wir zwar – auch – den Flüchtlingen halfen, aber gleichzeitig kostenlose Arbeitskräfte waren, die der Gewinnmaximierung einer Firma dienten.
Zudem besetzen wir mit unserer ehrenamtlichen Tätigkeit einen Arbeitsplatz, der sonst für einen Arbeitslosen zur Verfügung gestanden hätte.

Diese Kritik ist durchaus treffend, jedoch nicht konsequent genug. Denn alleine die Machenschaften der Betreiber_innen zu skandalisieren reicht nicht. Nur indem die wirtschaftlichen und politischen Strukturen angegangen werden, die es erlauben, dass eine Privatperson Profit aus der Lage Geflüchteter zieht, kann diese Ausbeutung nachhaltig bekämpft werden. Nur wenn zugleich der Komplex aus Wirtschaft und Politik attackiert wird, der Flucht und Vertreibung erst hervorbringt, wird es eine „Lösung“ der sogenannten „Flüchtlingskrise“ geben. Eine weitreichende Kritik der bestehenden Verhältnisse ist in einem Zusammenschluss wie „Neukölln hilft“ schon deshalb schwer möglich, da dort Vertreter_innen von Parteien mitmischen, die die Verantwortung für Kriege und Abschiebungen tragen. Selbst der Heimbetreiber ins in dieses Bündnis involviert.

1. Woche (19. Oktober 2015 – 25. Oktober 2015)
Am Freitag dem 23. Oktober begannen überraschenderweise Bundeswehrsoldat_innen Hangar 1 für Geflüchtete herzurichten. Der Senat hatte die Öffentlichkeit vorher nicht informiert. Die Firma Tamaja GmbH hatte von der Regierung den Auftrag erhalten, Teile des ehemaligen Flughafengebäudes zur Unterkunft für Geflüchtete zu machen. Diese Firma betreibt bereits die Lager in der Jahn-Sporthalle und in der ehemaligen Teske Schule in Tempelhof. Bereits seit längerem plant sie ein Lager in der Karl-Marx-Str.
Geschäftsführer der Firma ist Michael Elias. Obwohl seine Motivation, nämlich Profit, bereits seit längerem bekannt ist und seine Machenschaften bereits öffentlich angeprangert wurden, wird er in den Medien schon im Hinblick auf das geplante Lager in der Karl-Marx-Str. als Vorzeigelagerbetreiber dargestellt. Auch dem RBB und der Zeit ist jedoch nicht entgangen, dass hier ein Kapitalist am Werk ist, der einzig auf Profit aus ist. Verwiesen wird auf seine früheren Unternehmertätigkeiten, bereits über acht Unternehmen soll er geleitet haben, darunter ein Busunternehmen, eine Werkzeugfabrik und eine „Agentur für Produktfotografie“. Die Tamaja GmbH ging aus der Firma SoWo hervor, die Elias gegründet hatte. In den Medien wurde darauf aufmerksam gemacht, dass an diesem Unternehmer auch ein Burschenschaftler der Gothia beteiligt war.
Etwa 500 Geflüchtete sollen in Hangar 1 unterkommen. Zelte werden aufgestellt, darin Feldbetten, ein Zelt ist für 12 Personen vorgesehen. Am 25. Oktober kamen die ersten 60 Menschen an. Auf dem gesamten Gelände gibt es keine Duschen.

Erste Pläne
Die Berliner Senat plant Geflüchtete im ehemaligen Flughafen Tempelhof unterzubringen. Im Weisekiez will mensch einerseit die Geflüchteten unterstützen, zugleich aber auch die rassistische Diskriminierung von Geflüchteten und deren Unterbringung in Lagern bekämpfen. Um die Nachbarschaft zu mobilisieren, wird im Syndikat am 4. Oktober ein Vernetzungstreffen organisiert.

Über diese Chronik
Die Chronik basiert auf Erfahrungen der Menschen, die durch den deutschen Staat gezwungen werden, in Lagern zu Leben, ehrenamtlicher Helfer_innen, politischer Aktivist_innen sowie auf diversen Publikationen über die Lager. Diese Auflistung erhebt nicht den Anspruch die Geschichte der Lager auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhofs zu schreiben. In die Chronologie aufgenommen wurden einige wenige flüchtige Ausdrücke aus den und Einblicke in die Lager. Bestenfalls kann angedeutet werden, was in diesen und den vielen anderen Lagern vor sich geht, wie die Machstrukturen dieser Einrichtungen beschaffen sind. Teilweise gehen auch Ereignisse aus anderen Lagern, mit denen wir Kontakte pflegen, ein, beispielsweise aus der ebenfalls durch die Tamaja GmbH betriebenen Jahn-Sporthalle.
Um Nachteile für die sich in dieser Chronologie äußernden Menschen und Verwechslungen zu vermeiden, werden statt ihrer Namen willkürlich Initialen gesetzt. Auch Details werden stellenweise zu deren Schutz abgeändert.
Mittlerweile ist der ehemalige Flughafen Tempelhof die größte „Unterkunft“ für Geflüchtete in Berlin. Die Hoffnung der an dieser Chronik Beteiligten ist es, dass bald alle Bewohner_innen dieser Lager gemeinsam mit ihren Nachbar_innen in Wohnungen und in einer klassenlosen Gesellschaft leben möchten!